Berlin – alles außer gewöhnlich

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Dank eines netten Ex-Arbeitskollegen, verlasse ich heute erneut Aschaffenburgs vertraute Ecken und sitze zusammen mit rund vierzig Senioren in einem Bus, unterwegs nach Berlin.

Der besagte Ex-Kollege, Karsten Klein, war offenbar so nett, dass er uns vor rund einem dreiviertel Jahr streitig gemacht wurde. Kein Geringerer als der Vater Staat selbst rief ihn in seine Dienste. Seitdem sitzt er als FDP-Abgeordneter des Bundestags in Berlin und lässt seinem Ärgernis über die Haushaltspolitik der Opposition via Facebook freien Lauf.

Die Funktion unseres Besuches bei ihm in Berlin habe ich noch nicht ganz genau begriffen (war eine Last-Minute-Anmeldung 😊), ich gehe aber ganz stark davon aus, dass wir ihm in den dunkelsten Stunden seines Daseins als Politiker (eine Nachtschicht aufgrund einer Bereinigungssitzung) beistehen sollen. Welche Kriterien für die Teilnahme an diesem Abenteuer seitens des Veranstalters erforderlich waren, ist mir ebenfalls ein Rätsel. Bis auf die Ausnahme in Form von drei Arbeitskolleginnen und meiner Wenigkeit scheint bei den teilnehmenden Passagieren ein Mindestalter von 70 Jahren und mehr gefordert worden zu sein. Auch körperliche Beschwerden sind für den Berlin-Trip kein Hindernis: Der gängige Ohrschmuck weicht hier dem Hörgerät, die Zigaretten dem mobilen Sauerstoffgerät.

Erstaunlich vertraut geht es in dem Bus zu. Man kennt sich und schwelgt in Erinnerungen über gemeinsame Reisen quer durch Europa. Allen voran: Unser Busfahrer Helmut. Nicht viel jünger als der Durchschnitt hier im Bus, aber noch mit voll funktionierendem Langzeitgedächtnis erinnert er sich im Gespräch mit dem Paar hinter mir an die Nonne Anna, die auf einer der Reisen nach Herztabletten bei ihm verlangte. Ganz so gut schien er trotz seiner zahlreichen, mit Bluthochdruck geplagten Passanten nicht ausgestattet gewesen zu sein. Er konnte der Ordensfrau aber mit einem kleinen Schnaps verhelfen. Für einen ordentlichen Schenkelklopfer sorgte auch die Geschichte von blutrünstigen Hunden, wegen denen Helmuts Schützlinge einst den Bus nicht verlassen konnten. Eine kleine Hoffnung erwacht bei mir während dem Lauschen. Wer weiß, vielleicht hat auch diese Reise ein wenig Biss …

Eines bleibt bei unserem Busfahrer Helmut niemandem verborgen. Dieser Mann ist eine wandelnde Funkuhr (angeblich eine weit verbreitete Busfahrerkrankheit) und duldet keine Verspätungen. Auch nicht, wenn gerade die Fußball WM im Hotelfoyer läuft und Deutschland kurz davor ist, noch vor dem Achtelfinale auszuscheiden. In der achtzigsten Minute – fehlende Tore hin oder her, ruft unser Tick-Tack-Helmut (mein Spitzname für ihn) zum Einsteigen auf. „Hopp, hopp, das Abendessen in der „Grünen Lampe“ wartet nicht auf uns“, scheucht er die Seniorenherde auf. Es wirkt. Brav bezahlen sie schnell ihre Getränkebestellungen und eilen mit kleinen Trippelschritten Richtung Bus. Meine Arbeitskolleginnen und ich beugen uns nicht seiner zeitlichen Diktatur. Überzeugt davon, dass unsere WM-Fußballer endgültig das Glück verlassen wird, wenn auch wir jetzt den anderen in den Bus trippelnd folgen, sitzen wir wie festgenagelt und schlürfen an unserer Berliner Weiße. Das ist Helmut nicht gewohnt. Irritiert schaut er uns an und wiederholt verstärkt seinen Abreisewunsch. Nicht mit uns. Eher würden wir die beißenden Biester aus seiner Busfahrtgeschichte als unsere Schoßhunde akzeptieren, als den schicksalhaften WM-Moment zu verpassen. Trotz Verlängerung bleiben wir beharrlich bis zum bitteren Ende sitzen und laufen zur Strafe zu Fuß zur „Grünen Lampe“.

Es ist so weit: Wir besuchen den Bundestag und dürfen eine Stunde lang der Plenarsitzung beiwohnen. Zur Einstimmung läuft schon mal im Bus auf dem Weg dahin „Ja, ja, ja, das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“. „Diese Retro-Reise glaubt mir kein Mensch“, sag ich meiner Kollegin Manja, während ich dieses Ständchen und das ganze Busflair drumherum mit meinem Smartphone filme.

Im Reichstagsgebäude geht es etwas gesitteter zu: Sicherheitscheck, Einweisungen, Tribüne-Schildchen für den Hals. Nach einer kurzen Aufzugsfahrt kleben wir auch schon an der Glasscheibe, die uns als einzige von dem Plenarsaal und der „Mutti“ trennt. Mit ihrem petrol-grünen Blazer fällt sie mir unter den grau-schwarzen Anzugsträgern gleich auf. Eine Frau Sonne weist uns nochmal kurz ein, auf Zehenspitzen schleichen wir anschließend in die „Zentrale der Macht“. Christian Lindner hält gerade eine Rede. Es fällt auf: Zumindest auf den ersten Blick ist er einer der attraktivsten Herren in der Plenarrunde. Aber wahrscheinlich auch keine Kunst, wenn die Rivalen Gauland, Dobrinth, Kauder und Schäuble heißen. Sein Lieblingswort des Tages verwirrt mich etwas. Ständig redet er vom „asymmetrischen Schock“ und ich frage mich, ob damit die Asymmetrie aus der Mathematik oder der Zuckerschock aus der Medizin gemeint ist. Es folgt ein Schlagabtausch zwischen Kauder, Wagenknecht und Göring-Eckard. Jeder gegen jeden, Vorwurf auf Vorwurf. Die Redner erinnern mich an Protagonisten einer Soap Opera, die vor allem von Dramatisierungen und Inszenierungen lebt. Und die „Mutti“? Sie schaut etwas bedrückt aus der Wäsche, spielt mit ihrem Handy und zwischendurch sieht es von der Tribüne so aus, als ob sie ein Nickerchen machen würde. Doch als der AfDler Lucassen dran ist, wird „Mutti“ plötzlich hellwach. Sie steht auf und beschließt spontan einen kleinen Spaziergang im Saal zu machen. Während sie zielgerichtet zu einem Mitglied ihrer Partei läuft, folgen ihr die Kameras auf Schritt und Tritt. „Klick, klick, klick“, alle ihre Smalltalk-Abstecher werden gleich festgehalten. Lucassen schien den kleinen Rundgang der Chefin zunächst gar nicht bemerkt zu machen, denn als er die Kanzlerin direkt ansprechen will, schaut er etwas irritiert ihren leeren Sitzplatz an. Doch da, er bemerkt sie endlich bei der SPD-Parteichefin Nahles und sagt mir einer trotzigen Stimme „Frau Merkel, ich wollte eigentlich weiterreden. Ich finde es schlichtweg unhöflich, was sie da machen.“ Der Mutti sind seine Klagen offensichtlich egal. Sie geht zu ihrem Platz, schnappt sich ihre Handtasche und verlässt endgültig den Plenarsaal.

Auch unsere Stunde darin ist um und wir müssen gehen, Karsten nimmt sich im Anschluss noch etwas Zeit für uns. Während er uns seine Arbeitswoche beschreibt, versuche ich mir eine möglichst intelligente Frage an ihn zu überlegen. Diese war offenbar so intelligent, dass ich sie nachträglich gar nicht mehr rekonstruieren kann.

Wie imposant der Reichstag auch war, verspüre ich beim Rausgehen eine gewisse Erleichterung. Da sitze ich doch lieber mit unseren Omas und Opas im Bus, schaue mir Berlin durch meine rosarote Brille an, höre Schlagermusik und lasse die Reiseführerin Ulli (oder Elsa?) vom Bundespressedienst ihre Geschichten erzählen. Mit der Syntax einer wahren Märchentante kitzelt sie aus unseren Senioren Töne heraus, die sonst nur in den professionellsten Buchstabierwettbewerben für Selbstlaute zu bestaunen sind. Ulli: „Hier sehen Sie die goldene Else“. Unsere Omas und Opas: „Aaaaaaah!!“. Ulli: „Berlin hat insgesamt 600 Parkanlagen“. Die Businsassen: „Oooooh!“ Ulli: „In die Stadt Berlin würden München, Stuttgart und Frankfurt gleichzeitig reinpassen.“ Der Rest: „Uuuuuui“!!. Ich zwicke mich zwischendurch um sicher zu gehen, dass ich nicht träume und komme aus dem Grinsen und staunendem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Eine Mischung aus amüsierter Fassungslosigkeit und akustischer Ektase hat mich fest im Griff.

Höchste Zeit für eine Berliner Weisse um aus diesem Zustand wieder rauszukommen. Schippernd auf der Spree schmeckt sie besonders gut. Auf beiden Uferseiten jagt eine Sehenswürdigkeit die andere, das kühle Bier in der Hand, den Sonnenbrand im Nacken. Was für eine perfekte Mischung aus Kultur Genuss. Kurz nach dem Kanzleramt ist unsere Schifffahrt leider auch schon wieder vorbei, doch das nächste Highlight folgt. Wir treffen uns mit Karsten Klein im Biergarten „Zollpackhof“ zwecks einer spontanen Bierprobe. Gerade als (auch wenn nur „neigeplackter“) patriotischer Bayer ist man diesbezüglich besonders kritisch. Da bleibt es auch nicht aus, öfters als nur einmal den Bierkrug zu stemmen, um die Qualität des Gerstensaftes genauer zu bestimmen. In solchen Momenten versagt relativ schnell mein Kurzzeitgedächtnis, daher kann ich an dieser Stelle auf keine Details mehr eingehen. Das eine oder das andere blieb jedoch noch hängen: Ein deutsch-spanischer Herr aus unserer Reisegruppe hatte die große Sinnfrage, ob er sich denn nun als Spanier oder als Deutscher fühlen soll. Um ihm eine möglichst pragmatische Antwort zu geben (Männern sagt man bekanntlich nach, sie wäre besonders lösungsorientiert) und zugleich Empathie zu zeigen, schlug ich vor, er solle sich doch im Kopf wie ein Deutscher und ab der Taille abwärts wie ein Spanier fühlen. Großes Gelächter brach aus und unsere älteren Herrschaften klopften amüsiert auf den eh so wackeligen Bierzelttisch. Doch ich musste an diesem Abend auch eine bittere Niederlage einstecken, denn trotz all meiner Überredungskunst schaffte ich es nicht, unseren Bundestagsabgeordneten zu überzeugen, uns auf die Abgeordnetenparty unweit vom Bundestag einzuschleusen. Ich denke, er kennt mich ganz gut und fürchtete womöglich, den erst so hart erkämpften Job durch eine meiner spontanen Showeinlagen (ich nenne es gerne investigative Redseligkeit) zu verlieren …

Der kommende Tag war die logische Konsequenz unserer Bierprobe: Kopfschmerzen, Müdigkeit und Milliarden verstorbener Gehirnzellen. Wohl deshalb landete ich beim Frühstück am Nachbartisch und die drei unbekannten Hotelgäste schauten mich völlig entgeistert an. Mit den Überresten der Berliner Mauer im Ortsteil Gesundbrunnen, konnte ich an diesem Tag auch nicht viel anfangen. Die Bilder von der Mauer, die ich hier produzierte und einer Freundin schickte, ließen die Frage aufkommen, ob man diese Hauswand denn kennen müsste? Zum ersten Mal genoss ich es – genau wie das ältere Semester, einfach nichts zu tun und den Großteil des Tages mit einer XXL-Sightseeingtour im Bus zu verbringen. Langsam entstand zwischen uns „Mädchen“ (so nannten uns die Omis aus dem Bus) und unseren älteren Herrschaften fast schon etwas Vertrautes. Als wir bei unserer letzten Fahrt zum Hotel etwas früher aus dem Bus aussteigen wollten (hatten noch einen Termin mit Aperol Spritz), ermahnte man mich, vorsichtiger das Smartphone zu verstauen und die Jacke ja nicht zu vergessen.

Der Abreisetag: Immer noch müde von den letzten Tagen, lasse ich im Halbschlaf die vergangene Zeit Revue passieren. Die Märchentante vom Bundespresseamt alias Ulli (oder hieß sie doch Monika?), der Tick-Tack Helmut, der laut eigenen Angaben früher aussah wie Arnold Schwarzenegger und den ehemals V-förmigen Oberkörper irgendwann umdrehte, die Wortgefechte im Plenarsaal mit der flüchtenden „Mutti“, das Selbstlautmantra (aaaah, ooooooh, uuuuuuuui) unserer Senioren und dazwischen unzählige Selfies mit den nettesten Kolleginnen, die ich hätte mitnehmen können. All das Erlebte beschreibt witziger Weise der Slogan auf dem Bus, in dem wir so viel Zeit verbracht haben (dieser wurde übrigens vom Helmut auf den Namen Emma getauft): „Alles außer gewöhnlich“ …:-)

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