Marylin, Henssler und die Nordseebrise

HamburgIch habe so an die zehn Umzüge hinter mir, steckte schon mit dem Auto mitten auf einem abgesperrten Gleis fest und in meinem  Rechnungsordner stapeln sich mindestens zwei Hundert Strafzettel. In Hamburg war ich aber noch nie gewesen. Mein noch nicht ganz im Keim erstickter Abenteuergeist sagt mir schon länger, dass an diesem Zustand unbedingt etwas geändert werden muss …

Und da, welch ein Zufall, findet in der Hansestadt ein Workshop bei dem Zeit Verlag statt, der für mich wie gemacht ist. Der Chef zeigt sich großzügig und die Zugtickets und ein Hotelzimmer sind schnell gebucht.

Am Aschaffenburger Bahnhof kann ich es wieder nicht lassen und parke in der Nähe der Frauenklinik am Ziegelberg auf einem eigentlich nur auf Stunden beschränkten Parkplatz. Womöglich brauche ich ab und an diesen Kick als notorische Falschparkerin und erfreue mich irgendwie an der Frage, ob es bald das Jubiläumsknöllchen Nr. 200 gibt … Auf dem Weg zum Bahnhof schiele ich alle zwei Minuten wegen der Gleisnummer auf mein Zugticket. War ich schon immer so senil oder ist es etwa normal? Aber vielleicht sollte ich etwas Nachsicht mit mir haben, nach einer fast zehnjährigen Zugabstinenz. Da ist es wohl auch völlig verständlich, dass ich bei der Ankunft des Zuges direkt den Lokführer in seiner Fahrerkabine frage, ob es denn auch wirklich der richtige Zug nach Hamburg sei.

Keine zwei Minuten im Zug, fragt mich auch schon eine ältere Dame, ob sie sich mit ihrem Mann und dem Enkel an den Viererplatz mit Tisch, an dem auch ich Platz genommen habe, setzten darf. Der Kleine fährt mit ihnen das erste Mal mit dem ICE und wäre schon ganz aufgeregt, ergänzt sie. Der blonde Junge mit roten Backen ist ganz süß, fixiert mich aber mit seinem Blick und macht dabei immer mal wieder Striche in seinen Malblock. Was zählt er? Mein Kratzen am Kopf? Mein Blinzeln? Oder etwas meine Falten?! Mit seiner Oma komme ich ins Gespräch. Sie erzählt, dass es schon eine Tradition sei, mit ihren Enkeln Zugreisen zu machen. Mal nach Hannover, mal nach Nürnberg und im Sommer gern auch auf die Insel Föhr. Als ich sie frage, wie viele Enkel sie denn hätte, bekommt sie glasige Augen und sagt: „Eigentlich vier, mit dem einen haben wir aber seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr. Wie es so ist, wenn sich junge Leute trennen und die Schlammschlacht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird …“.

Das war wohl die falsche Frage, tadele ich mich innerlich und schaue peinlich berührt aus dem Zugfenster.  Der Himmel zieht sich zu und im Zug ist es irgendwie auch frisch. Leicht frierend betrachte ich mein weißes Sommerkleid und frage mich, ob heute denn schon wieder Notfallshopping angesagt ist? So enden fast alle meine Reisen. Neulich in Spanien fehlte die Sporthose (es könnte ja sein, dass ich mich zu meinem zweimaligen Joggen im Jahr ausgerechnet in Alicante durchringe). In Brüssel davor brauchte ich plötzlich dringend etwas Sommerliches und nun sieht es so aus, als ob ich einen Anorak gebrauchen könnte. Ich habe aber eine ganz plausible Erklärung dafür: Sobald ich auf Reisen gehe, verschwört sich der Wettergott gegen mich und zwingt mich auf diese Art förmlich zu diesen Käufen.

„Oma, das war der zwanzigste Tunnel“, freut sich mein kleiner Sitznachbar und ergänzt seine Liste um einen Strich. Na zumindest hat sich das geklärt …

Wir nähern uns dem Hamburger Hauptbahnhof und die ersten Regentropfen kleben an der Scheibe des Zuges. Ich schaue irritiert auf meine Wetter-App und frage mich,  ob es noch ein anderes Hamburg gibt, nach dessen Wetter ich mich heute früh erkundigt habe. Das Hamburg, wohin ich eigentlich wollte, sollte heute Sonne und 25 Grad haben.

Hurra! Petrus (oder wie auch immer der Wettergott heißen mag) hat noch ein kleines Upgrade für mich arrangiert. Nur nass zu werden, wäre wohl keine standesgemäße Begrüßung. Er schickt gleich noch eine frisch-turbulente Nordseebrise hinterher. Das kräftige Lüftchen heißt mich gleich am Bahnhofausgang willkommen und begleitet mich freundlicherweise die nächsten 800 Meter bis zum Hotel. Herrlich, diese gefühlten 10 Grad, die eiskalten Regentropfen auf der Gänsehaut und die Windböe, die mir offensichtlich von unten her beim Ausziehen meines Kleides behilflich sein will (eigentlich wollte ich damit bis zum Hotelzimmer warten). Eine Hand hätte ich noch frei – also welche Seite meines Schlüpfers versuche ich verdeckt zu halten?

Als ich im Hotel ankomme, erinnert mich  ein kurzer Blick in den großen Spiegel im Eingangsbereich daran, dass weiße Stoffe durchsichtig sind, wenn sie nass werden. „Hamburg, was machst Du nur mit mir?“, denke ich, während mich der junge Mann vom Hotelempfang mustert. Das Hotelzimmer stimmt mich wieder etwas milde: King Size Bett, Einrichtung wie aus „Schöner Wohnen“ und eine Miniküche mit Mikrowelle und Backofen (falls ich spontan meine nicht vorhandene Kochlust ausleben will). Wo ist nur das Bad? Ist es etwa doch nur eine schicke Jugendherberge mit einem Gemeinschaftsklo auf dem Gang?! Bitte nicht noch eine Überraschung Hamburg! Hinter der Spiegelwand, die wie eine Schrankwand ausschaut, entdecke ich schließlich doch mein eigenes, ganz persönliches (und todschickes) stilles Örtchen …

Ich will noch so viel von der Stadt sehen und fotografieren. Die Speicherstadt, den Hafen, das alte Rathaus, die Elbphilharmonie und und und. Kleidungstechnisch erweist es sich aber recht schwierig. Ich habe noch: Ein nasses weißes Kleid, ein trockenes graues Kleid, eine schwarze Bluse, Jeansshorts und immerhin eine langärmlige Jeansjacke. Während ich überlege, wie ich das kombinieren soll, frage ich mich gleichzeitig, welcher Vollpfosten meinen Koffer heute früh gepackt hat …

Den Rest des Tages verbringe ich damit, Leggings zu meinem grauen Kleid in der Spitalerstraße zu suchen. Für einen weiteren Auftritt mit hochgewirbeltem Kleid alá Marylin Monroe fühle ich mich nicht in Stimmung. Es ist kurz vor acht, als auch meine Beine endlich bekleidet sind und die Hände nicht mehr das Kleid unten, sondern die Fotokamera halten können. Zu spät für eine Sightseeing-Tour. Es werden nur ein paar Schnappschüsse von nahgelegenen Kirchen, Türmern ach ja, und von dem Scientology-Laden an der Ecke in der Domstraße gemacht, in dem gerade direkt hinter dem Schaufenster zwei junge Leute eine Gehirnwäsche verpasst bekommen.

Genug der Action. Ich setze mich in den Fischimbiss „Ahoi“ von Steffen Henssler und stelle auch gleich fest, dass ich nur noch 12 Euro einstecken habe. Nicht viel in einem Promi-Laden. Reicht für drei Sushi Röllchen mit Backfisch, Henssler-Spezial-Pommes und ein kleines Wasser. Beim Essen merke ich, was das „Spezielle“ an den Pommes ist: Der extra hohe Salzgehalt. Meine Kehle schnürt sich zu und ich bekomme regelrechte Durstattacken. Doch genug der Nörgelei.

Das King Size Bett ist toll. Nicht zu weich, nicht zu hart. Markus Lanz diskutiert mich mit seiner Talkshow in den Schlaf und von dem Obstsalat am Frühstücksbuffet hole ich mir zweimal Nachschlag. Bei dem Zeit-Verlag werden wir Workshopteilnehmer wie Könige behandelt, inklusive Kaffee und Kuchen auf der Dachterrasse ihres siebenstöckigen Verlagshauses und als ich nach dem Workshop die Zeit-Ausgabe mit dem morgigen Datum in die Hand gedrückt bekomme, geschieht es um mich: „Ja Hamburg, ich komme wieder. Weder Dein Regen noch Deine Nordseebrise und schon gar nicht die Henssler-Spezial-Pommes werden mich davon abhalten. Ich habe hier noch eine Rechnung offen! Schließlich stand ich mit meinem hochgewirbelten Kleid noch gar nicht auf dem Jungfernstieg und der Landungsbrücke.“ 

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