Shoppingqueen für Chaoten

Header

Gut drei Tage nach dem Ereignis kann ich mittlerweile darüber schmunzeln. Über was? Ich habe beim City Blogger Contest in Aschaffenburg mitgemacht, kam ins Finale und habe es auf meine ganz spezielle Art und Weise versemmelt (die Aufgabe bestand darin, eine/n Freiwillige/n zu finden und diese/n fotografisch bei ihrer/seiner von der City Galerie gesponsorten Shoppingtour zu begleiten).

Wie man es schafft, so eine Chance souverän an die Wand zu fahren?

Das erfordert eine gründliche Vorbereitung und Planung: Zunächst sollte man sich möglichst wenig Zeit für die finale Präsentation seiner Bilder lassen (max. 5 min für die Auswahl von ca. 10 Bildern aus insgesamt 300 Fotos). Ein weiterer Garant für das Scheitern bei einer Challenge, bei der es vor allem auf freie Präsentation ankommt: Die Story zu den Bildern sollte auf gar keinen Fall im Kopf sein, sondern möglichst ausführlich auf 1000 Spickzetteln drauf gekritzelt und anschließend ordentlich durchgemischt werden. Nicht zu vergessen wäre dann auch, die Reihenfolge der Bilder ebenso gut durcheinander zu bringen. Bei dem Vortragen selbst ist das Schiefgehen zu 100 % garantiert, wenn man der Jury gleich am Anfang mitteilt, wie sehr man noch „durch den Wind“ ist und anschließend fast demonstrativ alle 1000 Spickzettel fallen lässt. Wenn sich dann auch noch das Improvisationstalent verabschiedet, ist der Blackout der einzige Inhalt, welcher in dem mittlerweile völlig lahmgelegten Gehirn noch vorherrscht.

Als ich in dem Moment dachte, dass es nicht mehr schlimmer geht, wurde ich wieder Mal eines Besseren belehrt: Statt die Situation zu retten und sich auf möglichst flüssiges Vortragen zu konzentrieren, beschließt mein sich wie ferngesteuert anfühlendes „Ich“ mitten im Satz, die ganze Zettelwirtschaft doch wieder vom Boden der Bühne einzusammeln und zu sortieren. Was folgt? Peinliches Schweigen, zeitüberbrückender Smalltalk des Moderators und ein noch größeres Durcheinander bei den mittlerweile von mir verfluchten Zetteln.

Was das Ganze hätte noch toppen können? Am Tag nach dem Finale, als ich diese Momente habe nochmal Revue passieren lassen, stellte ich mir plötzlich vor, wie ich in meinem knielangen, schwarzen Kleid aus feiner Spitze auf allen Vierern auf der Bühne krabbele und immer wieder sage: „Moment noch, gleich habe ich alle Kärtchen eingesammelt und chronologisch sortiert“. Was bin ich froh, dass diese Vorstellung nur in meinem Kopf existierte und keine reelle Erinnerung war.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb, war es ein unvergessliches Erlebnis, welches ich nicht missen möchte. Welche Bilder dabei entstanden sind und mit welchen Worten ich diese eigentlich begleiten wollte, seht ihr hier:

Eine junge, modebegeisterte Frau bekommt einfach mal so 300 Euro, für die sie zwei Stunden lang „genussvoll einkaufen“ darf. Obwohl in dem Moment kein Guido Maria Kretschmer vom dem Fernsehbildschirm winkt und sich über drei Meter lange Nasenhaare seiner Kandidatinnen aufregt, erinnert mich dieser Moment doch sehr stark an das Fernsehformat „Shopping Queen“. Der Geldregen hat aber auch einen kleinen Haken: Nach der Shopping Queen-Kaufrausch-Tour und dem Styling folgt eine nicht immer gerade zimperliche Zurschaustellung und Bewertung seitens der Konkurrenz.

Auch das heutige Geldgeschenk hat einen kleinen Haken: Die liebe Ela – meine freiwillige Shoppingqueen des Tages , kann heute nicht einfach aus dem Bett fallen, die erstbesten Jeans und Top anziehen und sich mit einem Bad-Hair-Day Kopf in den Shoppingwahn schleppen. Auf mein Drängen hin steht sie heute vor mir, als ob sie gerade einem Mode- und Beautymagazin entsprungen wäre ….. Ganz in weiß, mit Wahnsinnsschuhen, top gestylten Haaren und perfekt geschminkten Lippen. Ich bin überzeugt, der Guido wäre jetzt schon von ihr begeistert gewesen. Eigentlich braucht diese Frau gar nichts mehr, was sie noch perfekter macht – oder?

Es wäre aber nicht die Ela, wenn sie kein Verbesserungspotenzial finden würde. Diese Frau überlässt rein gar nichts dem Zufall: Flink zückt sie aus ihrer Handtasche einen kleinen Spickzettel mit ihren Einkaufswünschen, grinst mich an und fragt: „Wie ist das jetzt so? Muss ich die ganze Zeit nur schön aussehen und in die Kamera grinsen, oder bekomme ich diese Liste heute noch erledigt?“

Schonungslos muss ich wohl der Ela jetzt ihre heutigen Grenzen aufzeigen: Auf das 20 minütige Betrachten des eigenen Hinterteils in der Umkleide zwecks Knackarschchecks muss sie heute leider verzichten, mit halb offenem Mund die Schaufenster anstarren – wäre auch nicht besonders vorteilhaft und aus dem Fingernägel kauen während der Überlegung, ob es die schwarzen oder grauen Schuhe werden sollen, wird wohl heute auch nichts (nicht dass sie all das jemals in meiner Anwesenheit getan hätte, ich gehe natürlich nur von mir aus …:-))

Tja, was soll ich ihr denn nun für Anweisungen oder Tipps geben? Schließlich soll es für sie keine Folter und für mich keine fotografische Katastrophe werden …. „Stell Dir einfach vor, Du wärst eine Society-Lady mit 20 Paparazzos (das wäre dann Wohl mein Part heute) im Schlepptau, denen Du Dich möglichst elegant, selbstsicher und zugleich sympathisch präsentieren möchtest – dann wird es schon werden“, antworte ich einfach mal spontan. Mit einem leicht ironischen Unterton erwidert Ela: „Wenn´s sonst nichts ist, das steht bei mir auf dem Tagesprogramm“ ….:-)

„Hey, lass uns doch erst mal einen kleinen Schaufensterbummel machen. Vielleicht entdeckst Du dabei etwas von Deiner Einkaufsliste“, schlage ich vor und schon mustert meine modebewusste Freundin ein Sommerkleid im Schaufenster. „Das Kleid wäre nicht schlecht, ist aber einen Tick zu lang“. Ich merke, diese Frau weiß genau was sie will und schaut sich ihre „Beute“ ganz genau an …😊

Während ich gerade versuche, meinen Aufsteckblitz zu reanimieren, steht Ela auch schon mitten im Wöhrl und schaut bei den weißen Spitzenkleidern nach ihrer Größe. Auch hier kommt Ela´s Detailverliebtheit zum Vorschein. Sie vergleicht die Schnitte, fühlt die Stoffe und schaut sogar auf die eingenähten Etiketten, um zu erfahren, um es sich bei dem Material um Viskose, Polyester oder Baumwolle handelt.

Während sie sich mit dem Kleid in der Hand im Spiegel betrachtet fragt sie mich: „Und? Was meinst Du, steht mir das?“ An dieser Stelle muss ich etwas neidvoll zugeben, dass es kaum etwas gibt, was ihr nicht steht – und falls doch, hat sie es noch nie angehabt. Ich bin da etwas unkritischer mit meiner Kleidungswahl und habe daher schon den einen oder anderen Mode-Fauxpax hinter mir. Für manche meiner Outfits würde ich wohl Guidos Spruch: „Sie sieht aus wie eine Frau, die bei einer Kaffeefahrt ihre Gruppe verloren hat“ ernten.

Ein Laden darf bei der Shoppingtour einer Frau niemals fehlen: Der Schuhladen. „Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ganz dringend noch ein paar Espadrilles brauche? Der Blauton von meinen alten ist zwei Nuancen zu hell und passt zu der Handtasche hier so gar nicht!“ Das kommt mir irgendwie bekannt vor …😊

Auch hier geht Ela zielgerichtet zu den Schuhen ihrer Begierde. Innerhalb von kürzester Zeit sitzt sie, umgeben von unzähligen Schuhen und Kartons auf einem Hocker und startet ihre Anprobe. Mit Erfolg – die dunkelblauen Espadrillos werden gleich mitgenommen.

Als wir am Douglas vorbeilaufen fällt Ela ein, dass ihr Lieblingsparfum bald leer ist und sie daher ein neues gebrauchen könnte.“ Klar“, sage ich. „Bestimmt lassen sich hier auch ein paar nette Bilder machen.“ Während Ela nach ihrem Parfüm sucht, geht mir ein bestimmtes Bildmotiv durch den Kopf. Ich würde gerne dieses typisch klischeehafte Foto machen, während sie an ihrem Parfüm voller Genuss riecht auf frage sie, ob sie wohl den Duft testen könnte und dabei irgendwie sexy schauen könnte. Sie fängt an zu lachen und lacht und lacht und lacht. Und sagt dann: „Also um sowas hat mich noch nie jemand gebeten ….“. Und sie macht es. Mit viel Geduld. Wieder und wieder sprüht sie das Parfum in die Luft oder auf den Teststreifen und riecht daran. Bis das Foto im Kasten ist.

„Wollen wir eine kleine Pause machen?“ fragt Ela, nach ihrem erfolgreichen Parfumkauf. „Unbedingt, ich dachte, Du fragst nie …..“ Auf der zweiten Ebene machen wir einen kleinen Zwischenstopp in einem kleinen Café und bestellen einen Espresso für Ela und eine Holunderlimonade für mich. „Was hat die Shoppingqueen als nächstes noch so vor?“, frage ich Ela, während sie an ihrem Espresso nippt.

„Lasst uns noch ein wenig frische Luft schnappen im Schöntal-Park“ schlägt Ela vor. Vollgepackt mit Einkaufstaschen und einem zufriedenen Lächeln läuft Ela ein paar Schritte vor mir Richtung Ausgang, setzt sich auf die mit Holz verkleidete Betontreppe gegenüber dem City Galerie Eingang, lehnt sich zurück und atmet ganz tief aus. Nach einer Weile frage ich  sie, ob sie noch etwas kaufen möchte, bevor unsere Zeit abgelaufen ist. Immer noch nach hinten gelehnt und scheinbar tiefenentspannt antwortet sie: „Ach nein, ich bin eigentlich wunschlos glücklich. Lasst uns einfach noch etwas ausruhen und es genießen, einfach mal nichts zu tun …“ 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s